Ovid(43 v. Chr.-ca. 17 n. Chr.), römischer Dichter, der durch seine erzählerische Meisterschaft, seine schöpferische Einbildungskraft, durch Klugheit und Witz zu einem der bedeutendsten römischen Dichter wurde. Als einer der großen Elegiker (siehe Elegie) gehört er zu den Klassikern der römischen Literatur. Sein Leben Ovid wurde als Publius Ovidius Naso in eine Ritterfamilie in Sulmo (dem heutigen Sulmona) in der Nähe von Rom geboren. Er wurde zum Anwalt ausgebildet und erlangte große Kenntnis in der Kunst der Rhetorik. Sein eigentliches Talent lag jedoch in der Dichtkunst. Nach dem Tod seines Vaters ging Ovid nach Athen, um seine Ausbildung abzuschließen. Später reiste er mit seinem Freund, dem Dichter Aemilus Macer, durch Asien und Sizilien. Als wohlhabender Erbe führte er ein sorgenfreies und ausschweifendes Privatleben. In Rom, wo er bis zu seinem 50. Lebensjahr lebte, stand er in der Gunst der vornehmen und gebildeten Gesellschaft der Stadt, u. a. auch von Kaiser Augustus. Im Jahre 8 n. Chr. wurde Ovid jedoch nach Tomis (dem heutigen Constanta, Rumänien) verbannt. Ovids eigenen Aussagen zufolge soll seine Verbannung auf die Veröffentlichung von Ars amatoria zurückzuführen sein, ein Gedicht über die Liebe, das moralisch verwerflich erschien. Wahrscheinlicher ist, daß seine Verbannung auf sein Wissen um einen Skandal zurückging, in den Julia, die Enkelin des Kaisers, verwickelt war. Ovids Ersuche um Begnadigung und Rückkehr nach Rom blieben erfolglos. Etwa 17 n. Chr. starb er als Ehrenbürger der Stadt in Tomis. Frühe Werke Die Dichtung Ovids kann in drei Phasen eingeteilt werden, eine frühe, eine mittlere und die der Jahre im Exil in Tomis. Mit seinen ersten Werken setzte Ovid die elegische Tradition der Dichter Properz und Albius Tibull fort, die er beide kannte und bewunderte. Im Mittelpunkt der Amores (entstanden zwischen 23 und 16 v. Chr., erschienen um 2 n. Chr.; deutsch: Die Liebeselegien), einer Sammlung von 50 Liebeselegien, steht seine fiktive Geliebte namens Corinna. Charakteristisch ist jedoch, daß die Liebeselegien nicht aus dem Überschwang der Gefühle rühren, sondern dichterische Gestaltung der unterschiedlichen Aspekte des Phänomens Liebe sind. Ovids Interesse an der Mythologie spiegelt sich in seinen Heroides (oder Epistulae Heroidum; erschienen um 10 v. Chr.) wider. Das Werk, das sich durch meisterhafte Charakterstudien auszeichnet, enthält 21 fiktive Liebesbriefe, meist von mythischen Heldinnen an ihre Liebhaber, sowie deren Antworten. Weitere Frühwerke Ovids sind Lehrgedichte, allen voran Ars amatoria (Liebeskunst), ein erotisches Lehrgedicht über die Kunst der Liebe, das um das Jahr 1 v. Chr. erschienen ist. Darauf folgten De medicamine faciei, ein fragmentarisches Gedicht über Kosmetik, und Remedia amoris (Heilmittel gegen die Liebe) als ironischer Widerruf der Ars amatoria. Medea, eine von antiken Kritikern hochgelobte Tragödie, ist bis auf einige wenige Zeilen verlorengegangen. Werke der mittleren Periode In seiner mittleren Schaffensphase schrieb Ovid die Metamorphoses (entstanden zwischen 2 und 8 n. Chr.), ein Erzählgedicht in 15 Bänden, das rund 250 Verwandlungssagen aus der griechischen und italischen Mythologie enthält. Das Epos beginnt mit der ersten Metamorphose überhaupt, der Schöpfung des Universums, und endet mit dem Tod und der Vergöttlichung Julius Caesars. Viele der Erzählungen stellen die Beziehung zwischen Sterblichen und den Göttern dar oder beschreiben die Folgen von Gehorsam oder Ungehorsam, wobei die Menschen durch eine letzte Verwandlung entweder bestraft oder belohnt werden. In den Metamorphoses vertiefte Ovid die Themen seiner früheren Dichtung, Liebe und Erotik; die Metamorphoses sind tiefschürfende Meditationen über eine Vielzahl menschlicher Empfindungen; hier tritt Ovids meisterhafte Erzählkunst und Fähigkeit zur lebhaften Beschreibung am deutlichsten zum Vorschein. Das Werk ist als Handbuch der griechischen Mythologie berühmt geworden. Das zweite bedeutende Werk der mittleren Periode sind die Fasti (entstanden zwischen 2 und 8 n. Chr.), ein poetischer Festkalender, der die römischen Feste und die mit ihnen verknüpften Sagen beschreibt. Von den geplanten zwölf Bänden, einem für jeden Monat des Jahres, sind nur die ersten sechs vollendet worden. Werke im Exil Die Werke, die Ovid im Exil verfaßte, sind durchdrungen von Melancholie und Selbstbeobachtung. Zu den bedeutendsten zählen die Tristia, Klagelieder in fünf Büchern, die das unglückliche Leben in Tomis beschreiben und an die Barmherzigkeit von Augustus appellieren, sowie die Epistulae ex Ponto (Briefe vom Schwarzen Meer), poetische Briefe, die von der Thematik her den Tristia ähneln. Weiterhin entstanden die Schmähschrift Ibis und das nur noch fragmentarisch erhaltene Gedicht Halieutica. Mit Ausnahme der Metamorphoses und der fragmentarischen Halieutica, die beide in daktylischen Hexametern geschrieben sind, ist die gesamte Dichtung Ovids in elegischen Distichen verfaßt, einem Versmaß, das er zur Vollkommenheit führte. Würdigung Die Beliebtheit Ovids zu seinen Lebzeiten setzte sich auch nach seinem Tode fort, obwohl Kaiser Augustus seine Werke aus den öffentlichen Büchereien verbannte. Sein Schaffen hatte großen Einfluß auf die Literatur des Mittelalters; es berührte Gelehrte, Dichter und Troubadoure gleichermaßen. Als sich in Frankreich der Begriff der „ritterlichen Minne" entwickelte, beherrschte Ovids Einfluß den Roman de la Rose, das Buch, in dem diese Philosophie dargestellt war. Seine Beliebtheit nahm während der Renaissance zu. Ludovico Ariosto und Giovanni Boccaccio in Italien sowie Geoffrey Chaucer und John Gower in England fanden in seinen mythologischen Erzählungen eine reiche Quelle romantischer Geschichten. Edmund Spenser, William Shakespeare, John Milton und viele andere englische Dichter hatten ihm viel zu verdanken. |