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Vergil

(70 v. Chr. bis 19 v. Chr.), römischer Dichter, geboren in Andes (heute Pietole, bei Mantua), gestorben in Brundisium (heute Brindisi). Vergil verfaßte in lateinischer Sprache das römische Nationalepos Aeneis, das als eines der bedeutendsten Werke der Weltliteratur die europäische Literatur in hohem Maße beeinflußte.

Leben

Vergils eigentlicher Name lautete Publius Vergilius Maro. Obgleich er aus dem bäuerlichen Milieu stammte, genoß er in Cremona, Mailand, Rom und Neapel eine sorgfältige Ausbildung in griechischer und römischer Literatur, Rhetorik und Philosophie. Dank der großzügigen Unterstützung des Römers Gaius Maecenas konnte er sich ganz der Literatur und dem Schriftenstudium widmen. Er lebte lange Zeit in Neapel und Nola. Zu seinem Freundeskreis zählten neben seinem Förderer Maecenas auch Oktavian (der später als Kaiser Augustus den Thron bestieg) sowie eine Vielzahl bekannter Dichter, darunter Gaius Cornelius Gallus, Horaz, Properz und Lucius Varius Rufus. Im Jahr 19 v. Chr. reiste Vergil nach nach Griechenland und Asien. Er plante, während dieser Reise sein nahezu vollendetes Meisterwerk, die Aeneis, ein letztes Mal zu überarbeiten und sich danach philosophischen Studien zu widmen. In Athen traf er mit Augustus zusammen und begleitete diesen auf der Rückreise nach Italien. Während der Fahrt erkrankte Vergil und starb kurz nach der Ankunft des Schiffes in Brundisium. Auf dem Sterbebett bestimmte er, daß die Aeneis vernichtet werden sollte. Auf Augustus‘ Weisung hin wurde die Dichtung jedoch von Varius Rufus und Plotius Tucca veröffentlicht.

Kleinere Werke

Die Appendix Vergiliana, eine Sammlung von Dichtungen, wurde im Altertum vollständig Vergil zugeschrieben. Sie umfaßt Epyllien (Ciris, Culex), Elegien (Lydia, Copa), ein Lehrgedicht (Aetna) sowie mehrere kürzere Dichtungen, die als Catalepton („Fein ausgearbeitete Kleinigkeiten") bezeichnet werden. Die Sammlung erinnert in Form und Inhalt an die Werke der hellenistischen Dichter Alexandrias; in vielen der Gedichte manifestierte sich auch der Einfluß des römischen Dichters Catull und seiner Schüler. Man ist sich heute einig, daß nicht alle Dichtungen dieser Sammlung von Vergil verfaßt wurden. Bei einzelnen Stücken aus Catalepton, die das Leben Vergils beschreiben, könnte es sich um Jugendgedichte aus seiner Feder handeln. Die Dichtung Aetna allerdings wird im allgemeinen auf das 1. Jahrhundert n. Chr. datiert.

Eclogae

(Eklogen) Im Jahr 39 v. Chr. vollendete Vergil sein erstes bedeutendes Werk, die aus zehn Hirtengedichten bestehenden Eclogae, auch Bucolica genannt. Als Vorbild für diese Dichtungen dienten ihm die Eidyllia (Idyllen) des Theokrit, eines alexandrinischen Dichters aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Mit Arkadien als Schauplatz wählte Vergil jedoch von Theokrit abweichend einen poetisch stilisierten, weniger realen Hintergrund für seine Hirtengedichte. Obgleich sich in dem Werk traditionelle Elemente der Hirtendichtung wie das gutmütige Geplänkel der Hirten, ihre Liebes- und Trauerlieder und ihr Wettsingen finden, erhielten die Eclogae ein eigenes römisches Gepräge, indem Vergil sie durch real existierende Personen und tatsächliche Ereignisse ergänzte oder allegorisch auf solche verwies. Die berühmte vierte Ekloge, in der die Geburt eines Kindes zugleich ein neues Zeitalter des Friedens und des Wohlstands einleiten soll, wurde in der christlichen Tradition insbesondere während des Mittelalters als Ankündigung der Geburt Jesu Christi betrachtet.

Georgica

Die Georgica entstand als Lehrgedicht vom Landbau zwischen 37 und 29 v. Chr. Die äußerst kunstvoll komponierte Dichtung weist Vergil als bedeutendsten Dichter seines Zeitalters aus. Obgleich nach Art eines Leitfadens abgefaßt, sollte das Werk vielmehr dem Städter die Ordnung der ländlichen Welt begreiflich machen. Themenkreise wie Krieg und Frieden, Tod und Auferstehung schließen jeweils die vier Bücher ab und verleihen dem Gesamtwerk universellen Charakter.

Aeneis

Die letzten elf Jahre seines Lebens verbrachte Vergil mit der Abfassung der Aeneis, eines mythologischen und zugleich historischen Epos in zwölf Büchern. Er beschreibt darin die sieben Jahre währenden Fahrten und Abenteuer des Helden Aeneas vom Fall Trojas bis zu seinem Sieg über Turnus in Italien. Mit der Aeneis schuf Vergil ein Idealbild Roms, in das er auch Prophezeiungen künftiger Ereignisse einflocht. Aeneas gelingt die Flucht aus Troja. Auf dem Rücken trägt er seinen alten Vater, an der Hand führt er seinen kleinen Sohn Askanios. Er stellt eine Flotte zusammen, segelt zusammen mit den überlebenden Trojanern nach Thrakien, Kreta, Epirus und Sizilien und erleidet schließlich vor der afrikanischen Küste Schiffbruch. Dido, die Königin von Karthago, entdeckt ihre Liebe zu Aeneas; als er dennoch abreist, verflucht sie ihn und begeht Selbstmord.
Aeneas erreicht die Tibermündung und geht an Land. Im Kampf um die Hand Lavinias, der Prinzessin von Latium, tötet er Turnus, den König der Rutuler. Vergil zufolge stammten die Römer in direkter Linie von Askanios ab, dem Gründer von Alba Longa, dem Ur-Rom. In Stil und Aufbau lehnt sich die Aeneis an die homerischen Epen Ilias und Odyssee an. In Teilen sind auch die Einflüsse der Argonautiká des griechischen Dichters Apollonios von Rhodos aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. und der Annales des römischen Dichters Quintus Ennius erkennbar; letzterer verwendete erstmals daktylische Hexameter in der lateinischen Ependichtung. In der Aeneis entwickelte Vergil dieses Versmaß in sprachlicher und technischer Hinsicht zur Perfektion, sodaß seinen Versen bis heute Vorbildcharakter zukommt.
Die Aeneis gilt gemeinhin als das erste große literarische Epos. Anders als die ebenfalls kunstvoll komponierte Ilias enthält sie keine der in den früher entstandenen, mündlich überlieferten Dichtungen gebräuchlichen Wendungen. Im Gegensatz zur Ilias ist die Aeneis keine auf Überlieferungen beruhende Darstellung von Ereignissen; vielmehr handelt es sich um eine auf Augustus‘ Wunsch hin entstandene Verherrlichung Roms, in der das Werden der Stadt und die Geschichte ihrer wohl von den Trojanern abstammenden Bewohner in idealisierter Form nachgezeichnet wird. Besondere Berücksichtigung fand dabei die Entwicklung der Stadt unter ihrem neuen Herrscher. Historisch Belegtes und die augustinische Zeit werden vor allem in den Büchern fünf bis acht, dem Hauptteil der Dichtung, behandelt. Durch den gekonnten Aufbau, die stilistische Harmonie und die Darstellung der Not des einzelnen kommt der Aeneis universelle Bedeutung zu.
Die Aeneis war von Anfang an ein vielbeachtetes Werk. Bereits ab dem 1. Jahrhundert n. Chr. war sie Teil der Schullektüre. In etlichen Kommentaren wurde der Ruhm Vergils vergrößert, der lange Zeit als der größte römische Dichter und als der Dichter schlechthin galt. Im Mittelalter maß man seiner Aeneis philosophische Bedeutung zu und hielt Vergil für einen zauberkundigen Seher. Dante huldigte ihm im ersten Teil seiner Göttlichen Komödie, indem er ihn dem Dichter als Begleiter durch Hölle und Fegefeuer bis zur Himmelspforte zur Seite stellte. Der englische Dicher Geoffrey Chaucer verwendete die Handlung der Aeneis in Teilen seines Werkes House of Fame (Das Haus der Fama). Vergils Stil und seine Verstechnik hatten großen Einfluß auf das Schaffen der italienischen Renaissancedichter. In Deutschland verlor Vergil im 18. Jahrhundert seine Vorrangstellung vor Homer, erlangte jedoch im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert wieder mehr Beachtung. Zu seinen Bewunderern zählten u. a. Leibniz und Kant.


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